Das Volk ist doch nicht blöd

So über­schreibt faz.net einen Lästerartikel vom 25.9. Es geht um klu­ge Beobachtungen der Sprache der uns Regierenden. Das liest sich u.a. so:

»Politikern und ihren Stäben wür­de es nicht scha­den, ab und zu das Handy aus der Hand zu legen und statt­des­sen zu Wolf Schneiders "Deutsch für Profis" zu grei­fen. Der Journalismus-Lehrer schrieb das Buch zwar schon im ver­gan­ge­nen Jahrhundert, als Twitter und Co. noch nicht ein­mal Albträume waren. Doch auch und gera­de im Zeitalter der digi­ta­len Revolution sind sei­ne Empfehlungen so nötig wie eh und je. Das zeigt uns auch ein Blick in "Das Magazin der Bundesregierung", das sich aus gege­be­nem Anlass mit der deut­schen Einheit beschäftigt.

In des­sen "Editorial" wie­der­holt die Bundeskanzlerin ihre Äußerung, das Coronavirus sei "für uns alle, auch für mich, eine demo­kra­ti­sche Zumutung". Für uns alle? Wir sit­zen selbst im Glashaus und wol­len daher allen­falls mit Sandkörnchen werfen. 

Aber wer, der Schneider ("Qualität kommt von Qual") ein­mal per­sön­lich erleb­te, könn­te sein 7. Kapitel ver­ges­sen? Es rät: "Weg mit den Adjektiven!", ins­be­son­de­re sol­chen, die "die Logik auf den Kopf stel­len, weil sie aufs fal­sche Substantiv bezo­gen wer­den". Und das scheint uns bei der neu­en Lieblingsformel der Kanzlerin ein­deu­tig der Fall zu sein.

Eine demo­kra­ti­sche Zumutung wäre das Virus ja nur, wenn es auf demo­kra­ti­schem Wege zu einer Zumutung gewor­den wäre. Also etwa so wie Donald Trump, Boris Johnson und Jair Bolsonaro. Im Falle von Sars-CoV‑2 aber trifft das nicht zu, weil ja nicht ein­mal der Fledermausmarkt von Wuhan demo­kra­tisch ver­fasst ist, ganz zu schwei­gen von ganz China. Und auch kei­ne uns bekann­te Verschwörungstheorie geht davon aus, dass das deut­sche Volk sich in frei­er Selbstbestimmung das Virus gege­ben hat. Es ist doch nicht blöd. Das Volk.

Nein, die­ser Erreger ist so wenig demo­kra­tisch legi­ti­miert wie die huma­ni­tä­re Katastrophe, von der man eben­falls immer wie­der ein­mal liest. Auch bei ihr han­delt es sich meis­tens um einen Denkunfall, denn nur in den sel­tens­ten Fällen ist damit ein beson­ders men­schen­freund­li­ches Unglück gemeint. Ein sol­ches ereig­ne­te sich zum Beispiel, als Max und Moritz in den Kuchenteig stürzten.

Aber manch­mal gehen die Assoziationen ein­fach mit einem durch. Zu ver­fol­gen war das auch in den jüngs­ten Diskussionen über unse­ren "Sauerland-Trump", wie Friedrich Merz nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung von Parteifreunden genannt wird. Merz war – was für eine Zumutung! – aus hei­te­rem Himmel gefragt wor­den, ob er Vorbehalte gegen einen schwu­len Bundeskanzler hät­te (hier ist das Adjektiv übri­gens uner­läss­lich, wird aber auch rich­tig gebraucht). Nach Merzens Antwort wur­den wie­der jede Menge Vorbehalte gegen ihn geäu­ßert, die er als "bös­ar­tig kon­stru­iert" zurück­wies, was zwar auch ohne das Umstandswort gegan­gen, aber viel zu lasch erschie­nen wäre. Denn Merz hat ja gegen kein Verhältnis etwas, "solan­ge sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solan­ge es nicht Kinder betrifft".

Die Beziehung zwi­schen dem FDP-Vorsitzenden Lindner und sei­ner frü­he­ren Generalsekretärin Teuteberg wäre für den CDU-Politiker also selbst dann völ­lig in Ordnung gewe­sen, wenn sie nicht nur aus 300 mor­gend­li­chen Telefonaten bestan­den hät­te. Doch auch in einem rei­nen Arbeitsverhältnis kann der Wurm drin sein, selbst noch nach des­sen Beendigung, wie Lindners "aus­ge­spro­chen miss­ver­ständ­li­che" Formulierung auf dem Parteitag zeig­te, für die er sich her­nach öffent­lich ent­schul­dig­te, "wenn damit Gefühle ver­letzt wur­den bei Linda und ande­ren Beobachterinnen oder Beobachtern".

"Wenn" – sicher ist Lindner sich also nicht, ob sein Witz auch wirk­lich zu einer Verletzung der Gefühle reich­te…«